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Das Mädchen aus der Cherry-Bar (1966)

April 20, 2013

Gambit_headerNachdem der Heist-Film in den 50iger-Jahren durch Leute wie Huston (Asphalt-Dschungel), Dassin (Rififi), Melville (Drei Uhr nachts) oder Kubrick (Die Rechnung ging nicht auf) populär geworden ist, erlebte er zumindest gefühlt seine Hochzeit in den 60igern und 70igern. Vor allem in den 1960ern sind es die farbenfrohen Scope-Filme, die einem sofort ins Gedächtnis kommen. Aus dieser Zeit stammt auch Ronald Neames (Die Höllenfahrt der Poseidon, Agentenpoker) Das Mädchen aus der Cherry-Bar (1966) mit Michael Caine, Shirley MacLaine und Herbert Lom in den Hauptrollen.

Der Plan ist genial: Um eine wertvolle Skulptur aus dem Besitz des steinreichen aber zurückgezogen lebenden Shahbandar (Herbert Lom) stehlen zu können, heuert der britische Dieb Harry (Michael Caine) in Hong Kong das Showgirl Nicole (Shirley MacLaine) an, gleicht sie doch frappierend der verstorbenen Ehefrau Shahbandars. Gemeinsam mieten sie sich im Luxushotel Shahbandars ein, um die Neugierde des Millionärs auf sich zu ziehen und Zugang zu seinen Gemächern zu bekommen. Während Nicole Shahbandar bei einem gemeinsamen Essen ablenkt, stiehlt Harry schlußendlich das Objekt der Begierde. So viel zur Theorie…

Gambit_LomDer Clou des Films, sofern man ihn als solchen bezeichnen möchte, ist sicherlich die Eröffnungshalbestunde, wird hier doch schon einmal der gesamte Raubzug von Michael Caines Harry durchexerziert. Als nichtsahnender Zuschauer fragt man sich dann schon kurz, wie der Film weitergehen möchte, wenn der Heist, der das Herzstück darstellen sollte, schon gezeigt wurde. Doch dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen, dass das Gesehene nur den Plan skizziert, wie er idealerweise umgesetzt wird. Die praktische Umsetzung folgt auf dem Fuße und sie sieht ganz anders aus, als noch von Harry erdacht. Dies liegt zu einem Großteil an Nicole, die mit ihrem losen Mundwerk so gar nicht Harrys Idealvorstellung – während des kompletten „Vorspiels“ spricht MacLaine kein Wort, legt dann aber so richtig los – entspricht und auch der gute Shahbandar ist weit weniger naiv als erhofft.

Aus dieser Konstellation generiert der Film dann seine Stärken. Einerseits ist der Heist-Plot in der „Realität“ wesentlich spannender dank Shahbandars  undurchsichtigem Mitwirken. Andererseits bekommt der Film ein Komödienelement durch MacLaines lebhafte Nicole, die immer wieder mit dem klischeehaft kühlen Harry aneinandergerät. Gambit, so übrigens der Originaltitel, der wohl auf einem Spielzug beim Schach basiert, gleitet dabei aber nie zu stark ins Komödiantische ab, sondern wartet mit einer vergnüglichen Balance auf, verzuckert mit einem mittelöstlichen, exotischen Setting und untermalt von einem feinen Score aus der Feder des unvergessenen Maurice Jarre. Die Auflösung der Geschichte erscheint dann aber etwas zu arg konstruiert, zumal man natürlich auch mit einem obligatorischen Twistlein aufwarten wollte und so ganz wird man auch nicht den Eindruck los, dass der Film ein wenig an Leichtigkeit eingebüßt hat.Gambit_caine

Zu sehr fällt dieser Makel aber eh nicht ins Gewicht, zumindest wenn man mit dem restlichen Gesamtpaket bis dato zufrieden war, zumal sich die Schauspielgarde wirklich sehen lassen kann. Michael Caine spielt einfach Michael Caine: sehr britisch, nicht hektisch mit einem trockenen Humor und immer mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Ihm gegenüber Shirley MacLaine, die ein Fest für Augen und Ohren ist und Caine ausgezeichnet ergänzt. Abgerundet wird das Trio durch Herbert Lom, dessen Teint hier aufgrund zu starkem Make-Up-Gebrauchs mindestens fragwürdig erscheint aber sonst einen vorzüglichen orientalischen Multimillionär abgibt, inklusive passendem Pokerface und der Prise Unberechenbarkeit, die so ein Charakter einfach haben muss.

Was kann man nun mit diesem Film anfangen? Wer auf der Suche nach der Beantwortung existentieller Fragen ist, dürfte nun auch nach gut 47 Jahren seit der Premiere noch nicht fündig geworden sein. Wer sich indes jedoch auch an seichter, gut gemachter Unterhaltung erquicken kann, der darf sogar mehr als nur ein Auge auf den Film werfen. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß.

I’m sorry, Émile. It’s for the best. I’m sure you can find something honest to do with all that old Mongolian clay.

Gambit_Titel
Originaltitel: Gambit; Deutscher Titel: Das Mädchen aus der Cherry-Bar ; Produktionsjahr: 1966; Produktionsland: USA; US-Kinostart: 07.01.1967; Deut.-Kinostart: 16.12.1966; Regisseur: Ronald Neame ; Cast: Shirley MacLaine, Michael Caine, Herbert Lom; Veröffentlichungen: DE (ohne), UK (Second Sight – DVD)

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One Comment leave one →
  1. Mai 15, 2013 9:11 pm

    Sehe ich in etwa auch so, wenngleich er mich nicht so doll begeistern konnte wie Sie was auch an dem erwähnten Twist am Ende liegt, aber wahrscheinlich auch am Subgenre selbst. Der Einfall, zuerst eine Fake-Variante des Plans durchzuspielen, war natürlich grandios und ließ mich blöd staunen. Wem lustige und beschwingte Heist-Filme gefallen, kann ich auch TOPKAPI von RIFIFI-Regisseur Jules Dassin empfehlen, der für mich mindestens auf einer Stufe mit GAMBIT steht und paar Jahre vorher erschien.

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